Häufige Krankheiten bzw. Haltungsfehlerfolgen

Geschrieben am 01.01.2020
von Ines Kosin

Höckerbildung

Die Höckerbildung ist in dem Sinne keine Krankheit, aber die Folge falscher Haltung. Sie entsteht durch mangelnde Feuchtigkeit in der Haltung, oft entstanden durch falschen Bodengrund oder trockenen Schlafplatz. Nach und nach entwickeln sich dann die Höcker, je jünger die Schildkröte, desto schneller kann sich dies entwickeln. Eine bereits entstandene Höckerbildung lässt sich nicht rückgängig machen, aber sofern das Wachstum noch nicht abgeschlossen ist, kann durch Haltungsveränderung diese von nun an unterbunden und durch glattes Wachstum fortgeführt werden. Ebenso umgekehrt, eine glatt gewachsene adulte Schildkröte bildet keine Höcker mehr. Achten Sie somit darauf, dass stets eine Wasserschale zur Verfügung steht, der Bodengrund aus ganz normaler Erde besteht (kein Mulch, kein Heu, keine Späne, kein Buchenhack) und halten Sie den Schlafplatz stets feucht. 


Parasiten

Der Befall mit Parasiten ist oft die Folge falscher Ernährung. Man kann einen Parasitenbefall zwar nicht gänzlich verhindern, aber mithilfe einer ausgewogenen, gesunden Ernährung so gering wie möglich halten. Da man einen Parasitenbefall nur selten mit bloßem Auge erkennt, ist eine jährliche Kotprobe im Juli/ August sehr zu empfehlen, damit die Schildkröte gesund in die Winterstarre starten kann. Wurde ein Parasitenbefall festgestellt, muss er nur behandelt werden, wenn er mindestens "mittelgradig" ausfällt. Prophylaktische Wurmkuren sind ebenso wie bei geringem Befund nicht empfehlenswert, sie schaden dann mehr als sie nützen. Die Wurmkur, je nach Parasitenart kann das Mittel schwanken, jedoch am häufigsten vertreten das Panacur, wird oral verabreicht. Entweder direkt beim Tierarzt oder zuhause zusammen mit dem Futter. Nach 10-14 Tagen wiederholt man dies. Danach sollte großzügig noch weitere Wochen warmer Temperaturen ermöglicht werden, damit die Chemie verstoffwechselt und ausgeschieden werden kann. Daher sind die Sommermonate empfehlenswert, weil eine Innenhaltung vermieden werden kann. Manche Tierärzte empfehlen eine sterile Haltung im Haus auf Zeitungspapier. Das ist unnötig. Die Schildkröte darf ihr gewohntes Freigehege bewohnen. Als Halter führt man die übliche Hygiene durch, Kot entfernen, Wasserschale säubern, mehr nicht. Es ist nicht mehr oder weniger Hygiene nötig als außerhalb der Behandlung. Vorbeugend sollte die Ernährung aus Wildkräutern bestehen, welche per Selbstvesrorgung im Gehege aufgenommen wird. Zahlreiche verschiedene Pflanzen sorgen für eine optimale Versorgung mit Vitaminen und Nährstoffen. Parasiten haben es schwer, sich davon zu ernähren, aber es ist ihnen dennoch möglich. Um die Parasiten einzudämmen und die Darmflora zu fördern ist das großzügige Anbieten von getrockneten Wildkräutern in den Sommermonaten empfehlenswert. Auf Obst, Salate, Gemüse und Getreide sollte immer verzichtet werden, sie schädigen die Darmflora und fördern die Vermehrung von Parasiten.


Herpesvirus

Das Herpesvirus ist eine stark gefürchtete Krankheit, denn es gibt keine Behanldung für sie und nach Ausbruch endet sie rasch tödlich. Es ist daher unbedingt notwendig, bei Neuzugang die Quarantäne einzuhalten, um eine Ansteckung zu verhindern. Nur eine Blutabnahme kann zeigen, ob die Schildkröte Träger ist oder nicht. Man kann das Virus ansonsten nur bei Ausbruch anhand heller Beläge auf der Zunge und Rachenabstrich erkennen. Träger des Virus verhalten sich ansonsten völlig normal, man sieht es ihnen nicht an !

Ist eine Schildkröte positiv getestet, dann kann sie ganz normal weiter leben, sollte aber, um eine Ansteckung zu meiden, nicht mit negativ getesteten Tieren vergesellschaftet werden. Nun kann man nur hoffen, dass es nicht zum Ausbruch kommt. Der größte Auslöser für einen Ausbruch ist Stress. Achten sie daher darauf, dass Sie die Schildkröte so wenig wie möglich stressen. Tragen Sie sie nur, wenn es nötig ist. Trennen Sie störende Artgenossen. Auch Kinder sollten sie nur beobachten statt anzufassen. Ganz stressfrei wird das Leben nicht funktionieren, aber eine starke Reduzierung von Stress kann die Lebenserwartung deutlich erhöhen. Ein Leben mit Herpesvirus ist über Jahrzehnte noch möglich. Lassen Sie sich nicht entmutigen, falls Ihre Schildkröte positiv getestet wurde, aber vermeiden Sie, dass dieses Virus weiter verbreitet wird, um den Bestand anderer nicht zu gefährden. 


Nierenerkrankungen

Eingefallene oder geschwollene Augen, kristallige Ausscheidung von Uraten und das Bilden von Gicht sind Merkmale, die von außen sichtbar werden, wenn Nierenerkrankungen schon stark fortgeschritten sind. Erkrankungen der Niere spielen sich ansonsten im Inneren der Schildkröte ab, Schildkröten leiden lange und still. Bleiben Organerkrankungen unbehandelt, enden sie nach langem Leidensweg tödlich. Sobald Sie Anzeichen einer solchen Erkrankung erkennen, ist dringen zu raten, zügig einen reptilienerfahrenen Tierarzt aufzusuchen. Je früher die Erkrankung festgestellt wird, desto größer sind die Heilungschancen. Unterstützend kann man die Schildkröte lauwarm baden (bei gesunden Tieren nicht zu empfehlen), um die Nierentätigkeit anzuregen.

Vorbeugend hilft, wie so oft, eine artgerechte Haltung. Die häufigste Ursache bei Nierenerkrankungen ist die sogenannte Kalthaltung, also wenn den Schildkröten keine oder nur unzureichende Technik zur Verfügung steht, um ihre Vorzugstemperatur zu erreichen. Achten Sie darauf, dass der Schildkröte in ihrem Frühbeet eine Wärmelampe für die lokale Wärme zur Verfügung steht und nachts das zu starke Abfallen der Temperatur mittels thermostatgesteuerter Heizung unterbunden wird. Verschiedene Temperaturzonen ermöglicht es der Schildkröte, sich genau den Wärmebereich zu suchen, den sie in diesem Moment gerade benötigt. Vermeiden Sie aber das Übertreiben von Wärme: Eine Terrarienhaltung als "Dauer-Sommer" ist keine Lösung sondern schadet kranken und gesunden Tieren gleichermaßen. Lediglich während der kalten Herbst-, Winter- und Frühjahrswochen ist temperaturbedingt eine Genesung im haus sinnvoll, dann alerdings statt im Terrarium in einem Zimmergehege, blickdicht abgegrenzt und nach oben offen. Gesunde Tiere gehören nach drauen.


Weiß cremige Urate: So soll es sein



krümelige Urate: Ein Hinweis für eine Nierenerkrankung, welche von einem reptilienerfahrenen Tierarzt einmal überprüft werden sollte



Rotfärbung des (Bauch-)Panzers

Eine sogenannte Panzerröte kann sehr viele Ursachen haben, von der harmlosen guten Durchblutung bis hin zu lebensbedrohlichen Sepsis ist alles möglich. Ein  erster Test, Sepsis von anderen Rötungen zu unterscheiden, ist der Drucktest. Verschwindet die Rötung beim Drücken, ist es keine Sepsis. Bleibt sie bestehen, ist ein zügiger Ganz zum reptilienerfahrenen Tierarzt sinnvoll. Während der reduzierten Durchblutung in den Wintermonaten funktioniert dieser Test jedoch weniger bis gar nicht.  Sepis verbreitet sich bei Wärme rasant. Bei Verdacht einer solchen ist daher zügige Handlung gefragt.

Eine Panzerröte während der Winterstarre, insbesondere im Kühlschrank und zum Ende der Starre, ist, einfach erklärt, die Folge daraus, dass angesammelte Abbaustoffe nicht abtransportiert werden. Sobald die Schildkröte erwärmt wird (nicht zu eilig!), müsste eine solche Rötung zurück gehen. Dies wird zum Beispiel ermöglicht, wenn man die Schildkröte ins Frühbeet umsiedelt. Dazu muss nicht einmal eine Auswinterung das Ziel sein sondern durch den Treibhauseffekt und der dadurch ansteigenden und fallenden natürlichen Wärme, wird es dem Körper ermöglicht, zu arbeiten und anschließend wieder zur Ruhe zu kommen. Das ist zum Beispiel ein Vorteil für die Schildkröten, die nicht im Kühlschrank starren sondern im Frühbeet, Gewächshaus oder der Überwinterungsgrube. eine Rötung tritt dort deutlich seltener auf.  Daher mein Tipp: Im Kühlschrank starrende Schildkröten bereits im Januar/ Februar daraus entlassen und ins Frühbeet umsiedeln, dort wird die Starre dann bis ca. Mitte März fortgeführt.

Eine weitere Ursache von Panzerröte kann ein Parasitenbefall im Übermaß sein. Eine Kotprobe kann Aufschluss geben. Schildkröten nach der Starre benötigen Zeit und Appetit, ehe die Darmtätigkeit in Schwung kommt und man den Kot sammeln und untersuchen kann.  Eine prohylaktische Wurmkur direkt nach der Starre ohne den ersten Kot abgesetzt zu haben halte ich für voreilig bzw. muss streng mit einem reptilienerfahrenen Tierarzt abgesprochen werden.

Weitere Möglichkeit einer Rotfärbung ist Stress. So kann beim Umhertragen, Ortswechsel, Fahrt zum Tierarzt oder was auch immer eine erhöhte Durchblutung fördern. Sie verschwindet wieder, sobald das Tier im gewohnten Umfeld zur Ruhe kommen kann.

Manche Tiere sind von Grund auf gut durchblutet. Die leichte Rötung ist völlig harmlos.

Betrachten Sie die Stelle genau: Gibt es dort eine Verletzung? Kleine Risse oder Panzerbrüche können leicht übersehen werden, bei genauerem Hinschauen erkenn man aber genau dies an der Position der Panzerröte. Um Infektionen zu vermeiden kann als Erste-Hilfe-Maßnahme das Verwenden von Iod Lösung helfen.

Beobachten Sie die Rotfärbung daher genau und den Zusammenhang. Da eine Rotfärbung sowohl harmlos als auch gefährlich sein kann, ist der Rat eines Tierarztes sinnvoll. Wägen Sie genau ab, ob ein Antibiotikum wirklich sinnvoll ist. Es kann genauso Leben retten wie auch Tod fördern. Es ist kein Mittel, welches "einfach so" oder "rein zur Sicherheit" gegeben werden sollte sondern nur bei Befund.



Verletzungen durch Artgenossen

Im Rahmen des Balz- und Dominanzverhaltens beißen sich die Schildkröten, rammen und reiten auf (beide Geschlechter). Im Übermaß fördert dieses Verhalten nicht nur Stress sondern auch Verletzungen. Insbesondere der Kloakenbereich wird stark in Mitleidenschaft gezogen, er schwillt an, rötet sich oder blutet sogar. In solchen Fällen ist das sofortige Trennen von Störenfrieden nötig mindestens so lange, bis Wunden verheilt sind. Leichte Rötungen verschwinden von selbst, kleine Wunden können mit Iod Lösung behandelt werden, größere Verletzungen sollten tierärztlich behandelt werden insbesondere weil in den warmen Monaten die Gefahr von Madenbesiedlung gegeben ist.

Ob eine dauerhafte Trennung nötig ist hängt vom Charakter ab, man kann aber auch das Gehege und dessen Struktur und Größe einmal begutachten, um zu schauen, ob die Ursache darin liegt. Oft, nicht immer, vertragen sich die Schildkröten deutlich besser, wenn das Gehege optimiert wird.


Panzernekrose

Kleinere Ablösungen vom Panzer sind kein Problem, sie entstehen durch oberflächige Verletzungen, die harmlos sind und von selbst heilen. Sind allerdings tiefrgehende, ggf. nicht sichtbare Risse vorhanden, nisten sich dort Bakterien und Pilze ein, sie führen zur Nekrose und beschädigen den Panzer nach und nach. Eine Behandlung durch den reptilienerfahrenen Tierarzt ist hier auf jeden Fall die bessere Lösung als slebst zu experimentieren oder abzuwarten.



Panzerweiche (Rachitis)

Kurz nach dem Schlupf ist der Schildkrötenpanzer noch sehr elastisch. Das ist nötig, damit die Schildkröte sich im Ei entwickeln kann. Nach dem Schlupf "entfaltet" sich die Schildkröte und der Panzer festigt sich anschließend. Beginnend mit dem Rückenpanzer festigt sich auch die Seite innerhalb kurzer Zeit. Lediglich der Bauchpanzer bleibt elastisch und braucht durchaus bis zu ca. 2 Jahre, bis er vollständig fest ist, wobei ich ein genaues Alter nur ungerne nenne und hier vielmehr darauf hinweisen möchte, dass der Panzer sich in der Festigkeit verbessern und nicht gleichbleibend oder gar schlechter werden sollte. 

Weicht die Festigkeit des Panzers ab, z.B. weil er nicht fester wird, bei älteren Tieren weich ist oder gar der Rücken eindrückbar ist, handelt es sich um eine Rachitis. In den meisten Fällen ist es die Folge fehlenden/ unzureichenden UV Lichts, welches in der Innenhaltung besonders häufig vertreten ist, aber auch bei der Außenhaltung auftreten kann wenn z.B. die Schildkröte das UV beständige Frühbeet über sehr lange Zeit hinweg nicht verlässt. Aber auch fehlendes Kalzium kann Panzerweiche begünstigen.

Eine Rachitis im Anfangsstadium kann in Rücksprache mit dem Tierarzt durch Verbesserung der Haltung (Außenhaltung, Sonnenlicht, Kalzium) geheilt werden. Ein fortgeschrittenes Stadium muss durch Injektionen und engmaschige tieräztliche Kontrolle behandelt werden. In starken Fällen kann eine statioäre Aufnahme oder gar die Erlösung vom Leid die sinnvollste Lösung sein. Eine unbehandelte starke Rachitis endet tödlich. Seien Sie daher interessiert daran, vorzubeugen (Außenhaltung, Sonnenlicht, Sepiaschale) bzw. im Falle der Rachitis sich nicht davor zu scheuen, einen Tierarzt aufzusuchen, welcher sich auf Reptilien spezialisiert hat.



Natürlich gibt es noch weitaus mehr Krankheiten, aber das hier sind die häufigsten in ganz kurzer, grober Zusammenfassung. 

Beobachten Sie Ihre Schildkröte stets genau. Je besser Sie sie kennen, desto eher können Sie ungewöhnliches Verhalten erkennen und somit rechtzeitig einen reptilienerfahrenen Tierarzt aufsuchen. Meiden Sie bei der Suche nach einem Tierarzt einen "Hund-Katze-Maus-Tierarzt", denn ihnen fehlt es an Erfahrung und Wissen, Krankheiten erkennen, behandeln und vorbeugende Haltungstipps zu geben. In Ihrem Fall ist das Spezialisieren auf Reptilien nötig, damit der Schildkröte schnell und richtig geholfen werden kann.


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